Deutschland ist im E-Commerce noch nicht so weit, wie viele denken

Deutschland im europäischen Vergleich

Wer bisher davon ausging, dass Deutschland im europäischen Online-Handel eine führende Position innehat, der muss sich in diesen Tagen eines Besseren belehren lassen. Die europäische Statistikbehörde hat nämlich untersucht, welche wirtschaftliche Bedeutung der E-Commerce in den verschiedenen Staaten Europas einnimmt und weist Deutschland einen recht schlechten Wert zu.

Deutschland im Eurostat-Ranking 2012 auf Platz 10

Eurostat-Ranking 2012: Deutschland nur auf dem zehnten Platz

Eurostat ist das Statistische Amt der Europäischen Union mit Sitz in Luxemburg. Die Geschichte der Institution, die dem Kommissar für Wirtschaft und Währung zugeordnet ist, reicht bis in das Jahr 1952 zurück. Die zentrale Aufgabe von Eurostat besteht darin, die Informationen über alle Länder der EU zusammenzustellen, die von den einzelnen nationalen Statistikämtern erhoben und geliefert werden. Durch die Arbeit der Institution wurden die statistischen Definitionen und Berechnungsmethoden in der EU in den vergangen Jahren vereinheitlicht und harmonisiert. Die zur Verfügung gestellten Daten und Auswertungen bilden eine wichtige und wertvolle Grundlage zur Einschätzung der wirtschaftlichen Situation in Europa und den einzelnen Staaten.

Aktuell hat Eurostat nun erstmalig eine Übersicht veröffentlicht, aus der die Bedeutung des E-Commerces für die Volkswirtschaften der verschiedenen Mitgliedsländer erkennbar wird. Untersucht wurde, welchen Anteil der Online-Handel an den Gesamtumsätzen der Unternehmen in den verschiedenen Staaten einnimmt. Was viele Marktbeobachter überraschen dürfte: Deutschland hat innerhalb der Übersicht gerade einmal den zehnten Platz erreicht und bleibt damit weit hinter anderen Ländern zurück, in denen der E-Commerce eine deutlich wichtigere Rolle spielt.

Der erste Platz in der Top 10 sorgt für Überraschungen

Laut Eurostat nimmt die Tschechische Republik in der Top 10 der europäischen Staaten den ersten Platz ein. Dort beträgt der Anteil des E-Commerces am Gesamtumsatz der Wirtschaft im Jahr 2012 ganze 24 Prozent. Den zweiten Platz belegt Luxemburg mit einem Anteil von 23 Prozent, gefolgt von Irland (21 Prozent) und Schweden (20 Prozent).

Auf dem fünften und sechsten Platz der Übersicht landen Ungarn und Großbritannien mit einem Anteil von jeweils 19 Prozent. Hier schließen sich mit 18 Prozent Finnland und Norwegen an. Erst dann folgt Deutschland. Hierzulande beträgt der E-Commerce Anteil an der Wirtschaft lediglich 17 Prozent. Die Bundesrepublik hat damit den Einzug in die Top 10 nur knapp geschafft. Ebenfalls bei 17 Prozent liegt der E-Commerce in Kroatien.

Verfehlt haben den Einzug in die Top 10 Länder wie Belgien, Spanien, Frankreich und Island mit jeweils 14 Prozent und Estland, Malta, die Niederlande, Österreich und Slowenien, wo der E-Commerce-Anteil lediglich bei 13 Prozent lag.

Weitere interessante Ergebnisse von Eurostat

Die Top 10 Liste über den E-Commerce-Anteil der einzelnen europäischen Staaten wurde von der Branche recht aufmerksam wahrgenommen. Weniger Aufmerksamkeit erhielten dagegen die weiteren Erkenntnisse von Eurostat, obwohl diese mindestens ebenso interessant sind, wenn man ein vollständiges Bild über den europäischen Online-Handel erhalten möchte.

Unter anderem wurde nämlich ermittelt, wie hoch der Anteil der Personen in den jeweiligen Ländern ist, die bereits einmal im Internet eingekauft haben. Hier landet Deutschland übrigens mit 65 Prozent immerhin auf dem fünften Platz. Aktiver im Web unterwegs sind allerdings die Verbraucher in Norwegen (76 Prozent), Schweden (74 Prozent), Großbritannien (73 Prozent) und Luxemburg (68 Prozent).

Unterhalb Deutschlands platzieren sich Finnland (65 Prozent), Frankreich (57 Prozent), Island (54 Prozent), Österreich (48 Prozent), Irland (46 Prozent), Belgien (45 Prozent) und die Slowakei (45 Prozent). Ganz weit abgeschlagen und noch unter dem europäischen Durchschnitt, der bei 44 Prozent liegt, positionieren sich Malta, Slowenien und Spanien. In Spanien haben bislang erst 31 Prozent der Verbraucher überhaupt im Internet eingekauft.

Passend zu dieser Auswertung stellt Eurostat ein weiteres Zahlenpaket zur Verfügung. Diesmal geht es um die Frage, wie viele Personen in den verschiedenen Ländern selber schon Produkte oder Dienstleistungen über das Internet verkauft haben. Auch hier schneidet Deutschland mit einem Anteil von 25 Prozent recht gut ab und belegt insgesamt den vierten Platz. Ganz weit oben auf der Liste stehen Slowenien (30 Prozent), Frankreich (28 Prozent) und Norwegen (28 Prozent).

Unterhalb der deutschen Aktivitätsräte in Sachen Internetverkauf rangieren zum Beispiel Großbritannien, Luxemburg, Island, Finnland und Belgien. Ganz weit abgeschlagen landen Estland und Irland mit jeweils 13 Prozent und Österreich sowie die Slowakei mit jeweils 12 Prozent auf den letzten Plätzen.

Welche Rolle spielen europaweite Zahlen und Auswertungen für Shop-Betreiber?

Als Online-Händler fragen Sie sich jetzt vielleicht, wie Ihnen die genannten Zahlen und Daten bei der Bewältigung Ihrer unternehmerischen Aufgaben helfen können. Zwar ist es sicher interessant, die Situation in Sachen E-Commerce auch einmal bezogen auf andere europäische Staaten kennenzulernen, doch wie lässt sich hieraus für das eigene Geschäftsmodell profitieren?

Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten, wie man mit den Eurostat-Fakten arbeiten kann. Zunächst sollte man betrachten, dass das Wirtschaftsleben der verschiedenen Staaten der EU immer enger zusammen wächst. Betrachten Sie zum Beispiel die gemeinsamen Richtlinien über die Verbraucherrechte von Internetkunden, die im kommenden Jahr in Kraft treten werden. Mit diesen harmonisiert und vereinheitlicht die Europäische Union den Online-Handel in ganz Europa und stellt damit die Weichen für eine grenzübergreifende Entwicklung des E-Commerces.

Die Positionierung Deutschlands auf dem zehnten Platz im Ranking um den Anteil des E-Commerce an der gesamten Wirtschaftsleistung lässt vor allem die Einschätzung zu, dass die Wachstumsphase des Online-Handels hierzulande lange noch nicht abgeschlossen ist. Betrachtet man zum Beispiel die Position der Tschechischen Republik, dort liegt der E-Commerce Anteil bei 24 Prozent, dann stellt man fest, dass in Deutschland, hier beträgt der Anteil bisher gerade einmal 17 Prozent, noch viel Raum für weitere Entwicklungen zur Verfügung steht.

Noch interessanter sind die Erkenntnisse aber natürlich für diejenigen Händler, die selber mit dem Gedanken spielen, Ihre Geschäftsmodelle auf andere europäische Länder zu übertragen. In dieser Situation bieten die Eurostat-Zahlen eine ideale Grundlage zur Orientierung darüber, in Bezug auf welche Staaten sich eine solche Ausdehnung besonders lohnen kann. Betrachten Sie einmal die Werte, die Auskunft darüber geben, wie viele Menschen in den jeweiligen Ländern bereits im Internet eingekauft haben. Hier haben sich Norwegen und Schweden ganz weit oben auf der entsprechenden Liste positioniert. Ein guter Grund, einmal darüber nachzudenken, eigene Produkte in genau diesen Ländern anzubieten. Zu einer gegenteiligen Einschätzung würde danach zum Beispiel das Abschneiden von Spanien führen. 69 Prozent der Spanier haben selber noch nie im Internet eingekauft. Vor diesem Hintergrund sollte man von einer Geschäftsausdehnung in Richtung der iberischen Halbinsel also eher Abstand nehmen.

 

Über den Autor

Sebastian Huke

Sebastian Huke

Artikel des Autors

Sebastian Huke ist bereits seit 2011 Redakteur und Marketing-Manager beim E-Commerce-Magazin INTERNETHANDEL und seine Begeisterung für neue Geschäftsideen ist kein Geheimnis. Daher betreut er im Magazin sowie im Unternehmensblog die Bereiche Geschäftsideen und Gründung. So stellt Sebastian Huke regelmäßig neue Start-ups vor, führt Interviews, erarbeitet Gründerstorys und verfasst auch themenübergreifende Artikel in den Bereichen Online-Handel und Marketing.