[Interview] Die Schnittstelle zwischen Kunde und Hersteller

Die zwei Bremer Norbert Hegmann und Thorsten Bausch gründeten 2016 myEnso, eine Online-Supermarkt für Lebensmittel, wo die Kunden das Produktportfolio mit beeinflussen können. Für Hersteller bietet myEnso die Möglichkeit, neue Produkte direkt potenziellen Käufern zu präsentieren und über myEnso auch direkt vertreiben zu können. Im Interview mit uns berichtet Norbert Hegmann, wie der Start mit myEnso verlief.

 

1. Herr Hegmann, wer sind Sie?
Ich bin Norbert Hegmann, 46 Jahre alt und als ehemaliger Marktforscher immer mit beiden Ohren am Kunden. Schon lange sehe ich, dass es bisher im Online-Lebensmittelhandel keine Plattform gab, in der die Kunden direkt mit den Herstellern zusammenkommen und gemeinsam die besseren Produkte entwickeln können. Lebensmittel im Internet zu kaufen, ist bisher alles andere als Inspiration. Als ich meinen Mitgründer Thorsten Bausch vor zwei Jahren wiedertraf, war klar, wir machen das selbst.

2. Wie würden Sie myEnso selbst beschreiben?
myEnso ist ein Supermarkt, der zu 100 Prozent kundenzentriert ist. Die Kunden entscheiden, welche Produkte ins Sortiment kommen. Kunden und Hersteller stehen bei myEnso in direktem Austausch. Hersteller präsentieren ihre Produkte in unserer Sendung „foodpioniere“, die Kunden stimmen in unserer Pionier-Lounge darüber ab, ob es diese zukünftig bei myEnso zu kaufen gibt. Auch über das Shop-Design oder die Lieferbedingungen entscheiden die Kunden.

 

3. Seit wann gibt es myEnso und was war der entscheidende Gründungsimpuls?
Vor zwei Jahren trafen Thorsten und ich uns in der Straßenbahn. Wir kannten uns von früher und stellten gleich fest, dass wir die gleiche Leidenschaft teilen: konsequente Kundenorientierung. Was der Mensch möchte, was er sich wünscht, das soll er auch erreichen können. Heute kann ich als Kunde nicht entscheiden, was es bei Aldi oder Edeka oder Rewe zu kaufen gibt. Bei uns sollen die Kunden ihre Wünsche und Werte wiederfinden. Wenn sie zum Beispiel das Galloway-Rind, das glücklich in der Lüneburger Heide lebt, bei myEnso kaufen möchten, dann soll das möglich sein.

4. Wie verlief die eigentliche Gründungsphase? Beschreiben Sie Ihre Sorgen und Bedenken im Vorfeld der Gründung.
Wir wussten gleich, dass wir ein solches Wahnsinnsprojekt nur mit Partnern stemmen können. Diese unterstützen uns in der Logistik, in der IT, in der Werbung und Marktforschung. Trotzdem wissen wir, dass wir mit myEnso ein sehr dickes Brett bohren. Unsere Wettbewerber sind Amazon fresh, Rewe Online & Co. Aber wir haben den Vorteil, dass wir es auf der grünen Wiese von Anfang an besser umsetzen können.

 

5. Wie wurde das Gründungskapital finanziert und war die Finanzplanung auch für kritische Momente innerhalb der ersten sechs Monate ausgelegt?
Wir gehen mit vollem persönlichen finanziellen Einsatz ins Rennen und haben mithilfe unserer Systempartner wie KantarTNS, MR PlanFabrik, Convivo, Grenzebach, Vollers, Team neusta und Pilot die besten Ressourcen, um myEnso auf den Weg zu bringen.

6. Wo sehen Sie Ihr Alleinstellungsmerkmal (oder USP) gegenüber Ihren Mitbewerbern?
Wir sind der super Supermarkt des Kunden für die Kunden. Uns geht es um Teilhabe, deswegen beteiligen wir die Kunden in einem Genossenschaftsmodell an myEnso. Und um Partizipation, deswegen wird myEnso von den Kunden mitentwickelt. Der Mensch hat im Zuge der Digitalisierung gelernt, dass er direkt mit Marken und Unternehmen in Dialog treten kann. Nun will er sich auch einbringen und spüren, dass er etwas verändern kann. Bei myEnso hat der Kunde die Macht.

7. Welches war die größte Herausforderung, die von Ihnen bewältigt werden musste?
Es gibt nicht die eine große Herausforderung, sondern die vielen, an denen der Supermarkt in der Startphase hängt. Ist der Shop rechtzeitig programmiert? Schaffen wir es, bis Ende März 25.000 Produkte für den Shop zu fotografieren? Wie verläuft der Robotertest in unserem Lager?

 

8. Was würden Sie rückblickend auf die Startphase von myEnso ändern?
Ehrlich gesagt nicht viel. Unser Konzept heißt auf allen Ebenen „Test & Learn“. Etwas ausprobieren, um Erkenntnisse zu gewinnen und es danach zu optimieren. Und das vollbringen wir gemeinsam mit unseren Kunden.

9. Gab es während der Gründungszeit auch unerwartete Fortschritte oder Meilensteine? Welches Gefühl hatten Sie bei dem ersten Kunden?
Wir sind überwältigt von den vielen positiven Reaktionen. Ob von den Kunden oder den großen Herstellern wie Iglo oder anderen Lebensmittelmarken oder von Unternehmen, die sich bei uns einbringen. Manchmal ist es nicht leicht, Angeboten zu widerstehen, die zunächst die Sache vermeintlich erleichtern. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, um was es geht und was das Geschäftsmodell negativ infiltrieren würde.

10. Nach dem erfolgreichen Start: Wie schöpfen Sie neue Energie und Motivation für myEnso?
Die bekommen wir jeden Tag im Kontakt mit unseren Pionieren, die genauso leidenschaftlich wie wir für einen besseren Lebensmitteleinkauf brennen.

 

11. Welche Eigenschaften sollte ein Existenzgründer mitbringen und welche eigene Erfahrung würden Sie an andere Gründer weitergeben?
Ganz wichtig ist es, authentisch zu sein. Versucht nicht, andere zu kopieren. Lebt eure eigene Version, seid relevant und macht immer weiter, habt keine Angst vor dem Scheitern. Seid nicht bange, denn wer etwas Neues macht, steht allein vorne. Ein bisschen wahnsinnig und verrückt muss man wohl auch sein. Aus der Komfortzone heraus hat noch nie jemand etwas Bahnbrechendes geschaffen.

12. Wo sehen Sie zukünftig die größten Herausforderungen für myEnso und welche sind Ihre nächsten angestrebten Meilensteine?
Ab April können die Bremer Testkunden bei myEnso einkaufen, ab Mai folgen Hamburg und Hannover und im Laufe des Jahres werden wir in 15 deutschen Städten verfügbar sein. 2019 wird das Jahr, in dem sich myEnso bundesweit allen Kunden öffnet. Wir brauchen in dieser Phase viele Menschen, die mitmachen. Wer sich beteiligen und bei myEnso einkaufen will, kann sich unter www.myEnso.de als „Pionier“ registrieren. Dafür nehmen Pioniere an Befragungen und Produkttests teil und erhalten im Gegenzug Einkaufsgutscheine, die sie bei myEnso einlösen können. Wer möchte, kann sogar Unternehmensanteile erwerben.

 

 


 

 

Über den Autor

Sebastian Huke

Sebastian Huke

Artikel des Autors

Sebastian Huke ist bereits seit 2011 Redakteur und Marketing-Manager beim E-Commerce-Magazin INTERNETHANDEL und seine Begeisterung für neue Geschäftsideen ist kein Geheimnis. Daher betreut er im Magazin sowie im Unternehmensblog die Bereiche Geschäftsideen und Gründung. So stellt Sebastian Huke regelmäßig neue Start-ups vor, führt Interviews, erarbeitet Gründerstorys und verfasst auch themenübergreifende Artikel in den Bereichen Online-Handel und Marketing.