[Interview] Premium-Fahrzeugpflege für den Enthusiasten, der sein Auto liebt

Das Start-up Herrenfahrt bietet verschiedene Premium-Pflegeprodukte für klassische Fahrzeuge und Oldtimer an, damit Besitzer und Enthusiasten das Lebensgefühl „Automobil“ gepflegt genießen können. Im Interview mit internethandel erklärt Gründer Andreas Werner, wie der etwas ungewöhnliche Start von Herrenfahrt verlief und warum sein eigenes Fahrzeug zum Firmen-Versuchsobjekt wurde.

1. Herr Werner, wer sind Sie?
Gar nicht so einfach, diese Frage zu beantworten. Ich bin ein im Schwarzwald geborener Liebhaber der schönen und durchdachten Dinge. Mein Herz schlägt für Fahrzeuge (besonders klassische) und die Musik und ich habe seit je her die Obsession, „etwas“ erschaffen zu wollen, was sich bei mir v.a. in Markenentwicklung manifestiert. Ich denke, das ist auch der Grund, warum wir jetzt überhaupt miteinander sprechen.

2. Beschreiben Sie Herrenfahrt selbst
Herrenfahrt ist eine Premium-Fahrzeugpflegemarke für den Enthusiasten, der sein Auto nicht nur fährt, sondern liebt. Wir komplettieren das Lebensgefühl „Automobil“ und erhalten Werte.

3. Seit wann gibt es Herrenfahrt und was war der entscheidende Gründungsimpuls?
Wir haben 2014 gegründet, damals noch ohne Markennamen. Der Impuls war, dass wir keine Pflegemarke auf dem deutschen Markt gefunden haben, die eben jenen „Look & Feel“ innehatte, den wir vor unserem geistigen Auge sahen. Als wir damals vor allem den Markt für klassische Fahrzeuge analysiert hatten, waren wir uns einig, dass das Timing stimmt. Die Fahrzeugpreisentwicklung befand sich in einem regelrechten Boom. Und die richtigen Pflegeprodukte werten jedes Fahrzeug nachweislich auf. Nicht nur optisch, auch wertbezogen.

4. Wie verlief die eigentliche Gründungsphase? Hatten Sie im Vorfeld der Gründung Sorgen oder Bedenken?
„HERRENFAHRT“ war nicht meine erste Gründung, sodass ich von vorne herein eine Ahnung hatte, auf was ich mich einlassen würde. Wir waren damals kühn und haben zunächst das Rechtskonstrukt gegründet und dann erst Marke und Produktportfolio entwickelt. Davor gab es nur Ideen und den unbedingten Willen, das Ganze durchzuziehen. Sorgen empfand ich in dem Sinne nicht. Es war eher ein Abwägen, bei dem mir damals meine Familie und meine engsten Freunde eine große Stütze waren. Ich komme ja eigentlich aus einem völlig anderen Background, der Musikindustrie. Den Schritt in ein neues Feld zu wagen, bevor man überhaupt tiefer in das „heimelige“ Berufsumfeld stößt, war schon ein großer Schritt. Ich habe es aber nie bereut.

5. Wie wurde das Gründungskapital finanziert?
Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass kritische Momente nach den ersten sechs Monaten nicht aufhören. Wir wussten, dass wir in einem Unternehmensfeld sind, das es unvermeidlich macht, enormes Kapital im Lager zu binden. Das war zu Beginn eine große Hürde, weil wir uns die Verkäufe hart erarbeiten mussten, das Kapital dennoch im Lager gebunden war. Wir hatten seit jeher große Abnahmemengen bei Verpackungen, die wir akzeptieren und finanzieren mussten. Auch, weil wir sehr detailverliebt sind und keine Kompromisse eingehen wollten. Das ist in einem Financial Forecast nicht immer einfach zu erfassen.

6. Wo sehen Sie Ihr Alleinstellungsmerkmal gegenüber Ihren Mitbewerbern?
Aus meiner Sicht ist es ein Zusammenspiel aus unverwechselbarem und stimmigem Design und einfach anzuwendende Produkttechnologie. Mit Design meine ich, dass wir Funktionalität und Form so abgestimmt haben, dass dem Kunden das Maximum an „User Experience“ ermöglicht wird. Die Produkttechnologie ist in diesem Kontext einzigartig. Der Kunde kann mit wenigen Produkten und wenig Erfahrung oder Expertise schon beeindruckende Ergebnisse erzielen. Und am Ende stehen immer die Freude beim Wagenpflegen und der Stolz auf das gepflegte Schmuckstück.

7. Welches war die größte Herausforderung, die von Ihnen bewältigt werden musste?
Wo fangen wir da an? Wir sind in einen Markt vorgedrungen, der wenig dynamisch ist und sich dadurch kennzeichnet, dass Kunden eine große Loyalität gegenüber den Marken empfinden, die sie seit Jahren nutzen. Dieser Effekt wird verstärkt, weil es sich um Automobile und nicht selten um große Fahrzeugwerte handelt. Vertrauen aufzubauen in Richtung Endkunde, aber auch in uns und unsere Produkte, das war eine Challenge. Sich stetig weiterzuentwickeln, Wissen und Erfahrungswerte aufzubauen, auch im Bereich der Fahrzeugaufbereitung – das war ebenfalls eine Herausforderung.

8. Was würden Sie rückblickend auf die Startphase von Herrenfahrt ändern?
Ich würde rückblickend früher starten. Wir hatten damals unsere Produkte zum Weihnachtsgeschäft online. Es wäre stimmiger gewesen, zum Saisonstart zu veröffentlichen. Also dann, wenn die Oldtimer aus dem Winterschlaf geweckt werden und eine umfassende Pflege nötig haben.

9. Gab es während der Gründungszeit auch unerwartete Fortschritte oder Meilensteine?
Wir haben 2015/2016 den Mannheimer Existenzgründerpreis gewonnen, was für das ganze Team eine sensationelle Erfahrung und sehr viel Wertschätzung war. Für mich persönlich gab es noch zwei weitere Meilensteine. Unseren ersten Auftrag einer Drittfirma zur Entwicklung einer eigenständigen Private-Label-Produktlinie. Das war ein großer Vertrauensbeweis. Und den skandinavischen Award für das beste „Detailer“-Produkt 2016 zu gewinnen, was wir bereits kurz nach Einführung unseres Produktes „Sprühglanz“ in Skandinavien geschafft haben.

10. Welches Gefühl hatten Sie bei dem ersten Kunden?
Mein Gefühl beim ersten Kunden im Online-Shop war pure Freude. Und ein wenig Nervosität, wie dieser Kunde unsere Produkte bewerten würde. Du arbeitest monatelang und unter Hochdruck daraufhin, der Welt deine Marke und deine Produkte zu präsentieren. Und dann „findet“ dich ein Autonarr und vertraut dir, dass deine Produkte die beste Wahl für seinen Anspruch sind. Das war großartig. Gleichzeitig war das für mich der Beginn, dass sich „HERRENFAHRT“ nicht mehr wie ein Projekt, sondern ein Unternehmen angefühlt hat.

11. Nach dem erfolgreichen Start: Wie schöpfen Sie neue Energie und Motivation für Herrenfahrt?
Für mich ist es sehr wichtig, dass meine Familie und meine engsten Freunde mich unterstützen. Damit schließe ich mit ein, dass sie auch mal komplett anderer Meinung sind und mich erden. Das ist mir wichtig. Das gibt mir Kraft, wenn man vielleicht in einer Phase ist, in der man schwierige Entscheidungen treffen muss. Auf der anderen Seite ist es auf persönlicher Ebene wichtig, Mechanismen und Wege zu finden, den Kopf frei zu bekommen. Start-up ist neben den schönen Dingen auch viel Verantwortung und Druck. Ich visualisiere mir meine Ziele, die Zukunft von HER-RENFAHRT und was wir noch alles erreichen werden. Und es mag esotherisch klingen, aber ich meditiere täglich, um Abstand zu gewinnen. Das war für mich eine wichtige Erkenntnis: Nicht pausenlos zu grübeln. Dadurch bin ich fokussierter und entspannter.

12. Wie oft benutzen Sie die Produkte von Herrenfahrt für Ihr eigenes Fahrzeug?
Mein eigenes Auto ist definitiv ein Firmen-Versuchsobjekt und wird mindestens zweimal im Jahr komplett aufbereitet, poliert und versiegelt. Im Normalfall kriegt mein Schmuckstück einmal in der Woche eine Beauty-Kur zur Auffrischung. Dann aber eher weniger aus Notwendigkeit heraus, sondern weil ich Spaß dran habe. Wenn man ein Unternehmen besitzt, das sich um die Ästhetik von Fahrzeugen kümmert, gibt es aber auch sehr schnell diese „kannst du nicht mal“-Anfragen. Mein Vater ist so ein Kandidat. Um sein Fahrzeug kümmere ich mich zweimal im Jahr.

13. Welche Eigenschaften sollte ein Existenzgründer mitbringen und welche eigene Erfahrung würden Sie an andere Gründer weitergeben?
Ich denke, eine wichtige Eigenschaft für einen Gründer ist, im Erfolg nicht überheblich und im Misserfolg nicht ängstlich zu werden. Man braucht eine gewisse Risikobereitschaft und Durchhaltevermögen, auch in Unwegsamkeiten das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ich habe immer davon profitiert, meine Vision nicht für kurzfristige Erfolge zu opfern, mit dem Wunsch, Nachhaltigkeit zu erreichen. Man muss sich behaupten können. Und ich glaube, man muss ein klein wenig darauf stehen, dass ein Start-up immer eine wilde Mischung aus Euphorie und Terror darstellt.

14. Wo sehen Sie zukünftig die größten Herausforderungen für Herrenfahrt?
Die fortschreitende Internationalisierung unseres Geschäfts und das damit verbundene Wachstum wird unsere volle Aufmerksamkeit brauchen. Momentan veröffentlichen wir eine neue Produktlinie, gezielt für Profianwender, die uns neue Möglichkeiten bietet. Ferner expandieren wir nach Asien. Wenn du zu schnell zu viel willst, frisst dich das Wachstum auf. Wir suchen also immer nach Wegen, unsere Strukturen zu verbessern und effizienter zu arbeiten. Bei einem 5-köpfigen Team und mehr als ein Dutzend Ländern ist das durchaus sinnvoll, wenn nicht sogar essentiell.

15. Welche sind Ihre nächsten angestrebten Meilensteine?
Ich persönlich möchte HERRENFAHRT zu einer Marke entwickeln, die international eine hervorragende Reputation genießt und Automobilenthusiasten auf der ganzen Welt begeistert. Hier in Deutschland kurzfristig noch einen (oder mehrere) Flagship-Stores zu eröffnen, in denen Automobilliebhaber ihre Fahrzeuge zur Aufbereitung bringen, an Workshops teilnehmen oder sich einfach nur professionell beraten lassen können – das wäre ein Traum. Aber generell gilt: Jeder Kunde, der nach der Anwendung unserer Produkte so begeistert ist, dass er uns eine Nachricht schreibt oder ein Bild auf Facebook oder Instagram posted, ist für mich ein Meilenstein.

 

 


 

 

Über den Autor

Sebastian Huke

Sebastian Huke

Artikel des Autors

Sebastian Huke ist bereits seit 2011 Redakteur und Marketing-Manager beim E-Commerce-Magazin INTERNETHANDEL und seine Begeisterung für neue Geschäftsideen ist kein Geheimnis. Daher betreut er im Magazin sowie im Unternehmensblog die Bereiche Geschäftsideen und Gründung. So stellt Sebastian Huke regelmäßig neue Start-ups vor, führt Interviews, erarbeitet Gründerstorys und verfasst auch themenübergreifende Artikel in den Bereichen Online-Handel und Marketing.