[Gründerstory] Zirkeltraining – Re-Commerce aus der Turnhalle

Die Herstellung von innovativen Neuheiten aus ausgedienten Produkten der Vergangenheit ist ein faszinierendes Geschäftsmodell mit viel Potenzial. In der Gründerstory stellen wir Ihnen das Start-up Zirkeltraining und seinen Gründer Bernd Dörr vor, der aus Sportgeräten und Turnmatten der Vergangenheit preisgekrönte Taschen, Möbel und Accessoires kreiert und erfolgreich auf den Markt bringt.

 

Fast jeder von uns hat noch den muffigen Geruch der Turnhallen aus den Kinder- und Jugendtagen in der Nase, erinnert sich an leicht genoppte Sportmatten in klassischem Blau, an Kletterseile, die von der Decke baumelten oder an Böcke und Pferde, die mit ihrem braunen Lederbezug zu schweißtreibenden Übungen einluden. Auch dem Taschenmacher Bernd Dörr sind diese Folterinstrumente noch gut in Erinnerung. Der findige Gründer hat hieraus allerdings eine Geschäftsidee abgeleitet, die es in sich hat. Den ausgedienten Materialien wird von seinem Start-up „Zirkeltraining“ nämlich ganz neues Leben eingehaucht: Vor allem in Form von außergewöhnlichen Taschen, aber auch als einzigartige Möbelstücke oder originelle Unikate. Wir stellen Ihnen die Firma Zirkeltraining und ihren kreativen Kopf Bernd Dörr in unserer Gründerstory vor, berichten darüber, wie alles begann und untersuchen die entscheidenden Erfolgsfaktoren des Start-ups.

 

Eine ungewöhnliche Geschäftsidee mit viel Potenzial

Besucht man zum ersten Mal die Internetseiten von Zirkeltraining, dann begreift man nicht auf Anhieb, um was es hier wohl geht. Im konsequenten Retro-Design begegnen einem hier im rot-beigen Monochrom-Look Ansichten alter Sportgeräte und Turnmatten und wäre da nicht die winzige Überschrift „Taschen aus gebrauchtem Sportgeräte-Leder und Turnmatten“, dann müsste man wohl lange darüber rätseln, was es mit dem Gründer Bernd Dörr und seinem Start-up Zirkeltraining wohl auf sich hat. Es geht also vorrangig um Taschen und wer damit rechnet, die außergewöhnlichen Unikate direkt online bestellen zu können, der befindet sich im Irrtum. Vom Internet als Vertriebskanal hält das Team von Zirkeltraining in Bezug auf die eigenen Produkte nicht sonderlich viel. Diese muss man vor Ort im Fachgeschäft erleben, um sich zu verlieben. Außerdem ist die Produktion auf natürliche Weise streng limitiert: Es kann schließlich nur so viele Zirkeltraining-Produkte geben, wie sich gebrauchte Materialien aus alten Turnhallen auftreiben lassen. Dennoch gibt es auf den Internetseiten des Start-ups einiges zu entdecken. Die angebotenen Kreationen werden hier nämlich mit Fotos präsentiert, die für sich genommen bereits preisverdächtig sind. Models in Sportbekleidung der Vergangenheit stellen jedes einzelne Stück im klassischen Turnhallen-Ambiente vor und erzeugen damit einzigartige Eindrücke. Und unter dem Stichwort Prototypen präsentieren die Internetseiten von Zirkeltraining ausgewählte Einzelstücke, die in Kleinstauflagen angeboten werden und zumeist sofort ausverkauft sind. In dieser Kategorie sind vor allem die Möbelstücke erwähnenswert, die aus ausgedienten Turn- und Sportgeräten gefertigt werden. So entstehen Bänke, Hocker, Truhen oder Schränke in einzigartiger Ausführung.

 

Wie alles begann: Geschichte und Werdegang von Zirkeltraining

In einem Hinterhof in Duisburg hat alles im Jahr 2007 begonnen. Unter einem Treppenabsatz entdeckte Gründer und Geschäftsführer Bernd Dörr, Jahrgang 1966, eine alte Turnmatte und das abgezogene Leder eines ausgedienten Turnbocks. Kurzerhand fragte er nach, ob er die Kostbarkeiten mitnehmen dürfe und setzte sich damit, als dies gestattet wurde, direkt an seine Nähmaschine und begann mit der Produktion erster Taschen aus dem ungewöhnlichen Material. Schnell wurde klar, dass die Idee das Zeug zu einem spannenden und aussichtsreichen Start-up hat und der Siegeszug des Zirkeltrainings begann. Voraussetzung hierfür war allerdings ein überzeugendes Kommunikationskonzept. Der Werber Markus Kreykenbohm und die Fotografin Maria Brinkop steuerten diesen noch fehlenden Teil bei und kreierten gemeinsam ein Artwork und ein Kommunikationskonzept, das einen gewichtigen Anteil am Erfolg von Zirkeltraining hat. 2007 begann die Apple Handelskette Gravis bereits damit, exklusiv die gepolsterten Laptop-Sleeves und -Taschen „Matte“ und „Barren“ zu vertreiben und verhalf den Erzeugnissen von Zirkeltraining damit zu erster Prominenz. In 2008 und 2009 nahm der Lufthansa Worldshop Produkte des Start-ups in seine gedruckten Kataloge auf und ebenfalls im Jahr 2009 folgte die erste offizielle Auszeichnung durch den „ispo BrandNew Award“ in der Kategorie Accessoires. Im Jahr 2010 produzierte das Pro7-Magazin Galileo einen 12-Minuten Beitrag über Zirkeltraining und 2010 und 2012 nominierte das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie das Start-up für die Teilnahme am Designpreis der Bundesrepublik Deutschland.

 

Mythos Turnstunde: Ein preisgekröntes und ausgezeichnetes Start-up

Einer der Erfolgsfaktoren von Zirkeltraining ist uns einen eigenen Abschnitt innerhalb der Gründerstory wert. Natürlich ist die eigentliche Geschäftsidee fantastisch, natürlich sind Re-Commerce-Konzepte auf der Höhe der Zeit und natürlich haben die angebotenen Produkte das Zeug zum großen Publikumserfolg. Wirklich einzigartig ist allerdings das unvergleichliche Design von Katalog, Webseite Verpackung und Werbung, das beim Start-up Zirkeltraining zum Einsatz kommt. Die Gestaltung ist so herausragend, dass sie im Jahr 2011 direkt vier mal den begehrten und renommierten Good Design Award aus den USA erhielt. „Eine konsequentere Umsetzung für einen Produktkatalog kann es wohl kaum geben – die Assoziationen, die hier jedem beim Blättern der Seiten nahezu entgegenspringen, werden durch die Art des Papiers, die Anmutung der Bilder, der gewählten Fotos mit den Turnern in Sportkleidung der 1960erund 70er-Jahre, die Typografie, die Haptik, einfach durch die sorgfältige Wahl jedes Details ausgelöst. Sehr authentisch – mehr Retro mit Charmeappeal geht kaum, Applaus, Applaus!“

 

Authentisch bis ins kleinste Detail

Die Produkte von Zirkeltraining tragen Namen wie Handstand, Hocke, Rolle, Kasten oder Bock. Und ebenso sperrig wie die Bezeichnungen sind auch die Kreationen selber. Es handelt sich bei jedem einzelnen Artikel um ein individuelles Einzelstück, dessen Material seine eigene, einzigartige Geschichte zu erzählen hat. Und natürlich herrscht bei den Produkten von Zirkeltraining eine natürliche Knappheit, da die kostbaren, gebrauchten Ressourcen nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Dafür kann Zirkeltraining es sich leisten, jedes einzelne Produkt mit einem Retro-Ausweis auszustatten. Dort gibt Bernd Dörr, dessen Bild jedes Dokument ziert, ganz persönlich Informationen über das erstandene Stück und gibt vor allem Auskunft über das Alter der eingesetzten Materialien. Vom ursprünglich gelernten Fernmeldetechniker hat sich Bernd Dörr erfolgreich zunächst zum selbstständigen Transportunternehmer und schließlich zum Retro-Turnvater entwickelt. Dass ihm dieser Werdegang selber Spaß macht, merkt man dem Gründer deutlich an: „Ich kann meine Ideen verwirklichen – das ist ein unschlagbarer Vorteil der Selbstständigkeit. Die Kehrseite ist natürlich die zu investierende Zeit, die dann oft bei der Familie oder Freizeit fehlt. Ich habe eigentlich nie Feierabend.“

 


 

 


 

 

Über den Autor

Sebastian Huke

Sebastian Huke

Artikel des Autors

Sebastian Huke ist bereits seit 2011 Redakteur und Marketing-Manager beim E-Commerce-Magazin INTERNETHANDEL und seine Begeisterung für neue Geschäftsideen ist kein Geheimnis. Daher betreut er im Magazin sowie im Unternehmensblog die Bereiche Geschäftsideen und Gründung. So stellt Sebastian Huke regelmäßig neue Start-ups vor, führt Interviews, erarbeitet Gründerstorys und verfasst auch themenübergreifende Artikel in den Bereichen Online-Handel und Marketing.