[Gründerstory] Kreative Zerstörer: Wie myTaxi einen alten Markt aufmischt

In unserer aktuellen Gründerstory wollen wir Ihnen ein disruptives Geschäftsmodell vorstellen. Hiervon spricht man, wenn eine Innovation ein bereits bestehendes Produkt weitgehend verdrängt. Mit myTaxi hat sich ein Start-up den verstaubten Taximarkt als kreative Spielwiese ausgesucht und tobt sich dort aktuell ausgesprochen erfolgreich aus. Wir stellen das Unternehmen und seine Gründer vor.


 

Diese Gründerstory handelt von dem Hamburger Start-up myTaxi und bevor wir Ihnen erklären, um welche Geschäftsidee es sich handelt, wollen wir Ihnen erst einmal sagen, was myTaxi ganz sicher nicht ist: Im Unterschied zu vielen Internetgründungen ist das junge Unternehmen keine Copycat. Wenn man die deutsche Gründerszene aufmerksam durchforstet, dann fällt es nicht leicht, Start-ups zu entdecken, die sich nicht mehr oder weniger stark von bereits erfolgreich etablierten Firmen haben inspirieren lassen. Bei myTaxi erleben wir stattdessen pure Innovation. Geschäftsidee, Konzept, Umsetzung, Strategie und Positionierung stammen original aus der Feder des Gründerduos Niclaus Mewes und Sven Külper.

Die Innovationskraft des jungen Unternehmens wirkte auf namhafte Investoren sehr anziehend und trug so wesentlich zum bisherigen Erfolg am Markt bei. Aber auch viele andere Faktoren haben das Start-up konsequent in Richtung Marktführerschaft bewegt. Wir stellen Ihnen myTaxi und seine beiden Gründer vor und beleuchten dabei vor allem die entscheidenden Erfolgsfaktoren. Dieser Erfolg wurde nicht zuletzt durch den Verdrängungswettbewerb ausgelöst, den sich myTaxi mit den klassischen Taxizentralen liefert. Die aggressive Positionierung brachte dem Start-up den Beinamen „Die kreativen Zerstörer“ ein.

 

55.000 Taxis in Deutschland, aber nie dort, wo man sie gerade braucht

Die beiden Gründer und Geschäftsführer der Intelligent Apps GmbH aus Hamburg, Niclaus Mewes und Sven Külper, waren in München unterwegs und brauchten dringend ein Taxi. Als Ortsunkundige kannten sie allerdings weder die Halteplätze noch die Telefonnummern der Taxizentralen vor Ort. Aus dieser Situation heraus entstand spontan die Idee für eine App, die Fahrgästen eine bequeme Möglichkeit zur Verfügung stellt, sich ein Taxi zu rufen. Ursprünglich bestand der Plan, eine Plattform zur Vermittlung privater Mitfahrgelegenheiten zu entwickeln. Schon kurze Zeit später wandelte sich das Konzept und Niclaus Mewes und Sven Külper entschieden sich für ein Konzept im Bereich des gewerblichen Personennahverkehrs.

Nicht ganz unschuldig an dieser Entscheidung war sicher ein Blick auf einige interessante Marktdaten: In Deutschland gibt es rund 55.000 Taxis. Jedes Jahr werden 427 Millionen Fahrten gebucht. Gleichzeitig wurden hierzulande alleine im Jahr 2012 insgesamt 21,7 Millionen Smartphones verkauft. Verbindet man diese beiden Geschäftsfelder, dann entsteht das letztliche Konzept von myTaxi fast von selber: Eine App, mit der Passagiere komfortabel und sicher ein Taxi bestellen können und die es Fahrern ermöglicht, auf unkomplizierte Weise an Fahrgäste zu gelangen.

 

Eins-zu-Eins-Kommunikation zwischen Fahrer und Passagier

Vor der Gründung von myTaxi gab es insgesamt drei Möglichkeiten, an ein Taxi zu gelangen: Man geht zu einem bekannten Halteplatz und wartet auf einen freien Wagen, man winkt auf der Straße ein Taxi heran oder man ruft in einer Taxizentrale an und bestellt eine Fahrt. Mit myTaxi ist eine neue Option hinzugekommen: Als Fahrgast lädt man sich einfach eine App für Apple iOS, Android oder Windows Phone 7 herunter. Per GPS-Ortung werden alle freien Taxis in der Umgebung angezeigt. Nun berührt man eine entsprechende Schaltfläche und Sekunden später melden sich freie Fahrer, die Interesse an der Tour haben, direkt auf dem Bildschirm. Hierbei werden ein Foto des Taxifahrers, Daten zu seinem Fahrzeug und die Bewertungen anderer Kunden angezeigt. Nun entscheidet man sich für einen Fahrer und kann auf dem Display per Google Maps in Echtzeit verfolgen, wie sich das Fahrzeug nähert. Bezahlt werden kann die Fahrt, wenn gewünscht, direkt mit dem Smartphone, aber auch per Kartenzahlung oder ganz klassisch mit Bargeld. Nach der Fahrt hat man als Kunde die Möglichkeit, eine Bewertung zu hinterlassen oder den betreffenden Fahrer unter seinen persönlichen Favoriten zu speichern.

Für den Fahrer stellt sich die App ebenso einfach dar. Offene Anfragen für Fahrten werden ihm direkt auf dem Display seines Smartphones angezeigt. Mit einem Klick meldet er sein Interesse an der Tour an. Daraufhin werden sein Bild und seine Daten an den Fahrgast übermittelt. Der Service ist für den Taxifahrer nicht mit Grundgebühren verbunden. Stattdessen zahlt er für jede erfolgreich absolvierte Fahrt eine Pauschale in Höhe von 0,79 Cent. Darüber hinaus bietet myTaxi mittlerweile auch eine spezielle Software für kleinere Taxizentralen an, die eine direkte Anbindung an das System von myTaxi ermöglicht.

 

Mit bislang rund 30.000 angeschlossenen Taxis und weltweit über 5 Millionen Downloads der App ist das mehrfach preisgekrönte Start-up inzwischen Marktführer und kann einen Marktanteil von rund 30 Prozent vorweisen. Die gesamte Geschäftsidee konnte von Anfang an überzeugen. Kurz nach der Gründung konnten Niclaus Mewes und Sven Külper erfolgreich die Mittel für die erste Finanzierungsrunde einwerben. Heute gehören namhafte Geldgeber wie die T-Venture Holding GmbH (Deutsche Telekom AG), die Daimler Mobility Services GmbH (Daimler AG), die KfW-Bankengruppe, die e42 GmbH oder Lars Hinrichs von der Cinco Capital GmbH zu den Investoren von myTaxi. Das Unternehmen befindet sich derzeit auf Expansionskurs und erobert schrittweise die internationalen Märkte. Mit rund 120 Mitarbeitern und Niederlassungen in Hamburg, Berlin, München, Stuttgart, Frankfurt, Köln, Wien, Zürich, Barcelona, Madrid, Warschau und Washington D.C. zählt das Start-up zu den erfolgreichsten Neugründungen der vergangenen Jahre.

Gründer Sven Külper ist davon überzeugt, dass vor allem Leidenschaft und ein gutes Timing entscheidend für eine erfolgreiche Positionierung sind. Man muss für die eigene Geschäftsidee regelrecht brennen, um das eigene Team, neue Kunden und finanzstarke Investoren zu begeistern und mitzureißen.

 

Eine disruptive Technologie als Grundlage einer erfolgreichen Strategie

Blickt man ein wenig tiefer in die strategischen Grundlagen von myTaxi, dann stellt man fest, dass es sich hierbei um eine sogenannte disruptive Technologie handelt. Hiervon spricht man immer dann, wenn eine Innovation eine bestehende Technologie, eine bestehende Dienstleistung oder ein bestehendes Produkt weitgehend vom Markt verdrängt. „Opfer“ dieses Verdrängungswettbewerbes sind die mächtigen Taxizentralen, die den Markt traditionell fest in den Händen halten.
Taxifahrer zahlen im Normalfall eine stolze Monatsgebühr an die klassischen Zentralen, um von denen mit Fahrten versorgt zu werden. Je nach Stadt, Standort und Zentrale belaufen sich diese Kosten auf mehrere Hundert Euro im Monat. Arbeitet der Taxifahrer stattdessen oder ergänzend mit myTaxi zusammen, dann zahlt er für den Service des Start-ups lediglich eine recht kleine Gebühr je angenommener Fahrt. Für die Taxizentralen Grund genug, mit einem Aufschrei auf die Marktpräsenz der „kreativen Zerstörer“ zu reagieren. Alleine im Geschäftsbericht 2012 des deutschen Taxi- und Mietwagenverbandes taucht das Wort „myTaxi“ insgesamt sechs Mal auf. Hier nimmt man die „Gefahr aus dem Smartphone“ also durchaus ernst und das mit gutem Grund. Zwischen zwei und vier Prozent aller Taxifahrten in Deutschland werden nämlich bereits über eine App geordert und bislang ist in Sachen Marktdurchdringung kein Ende in Sicht.

Das Konzept von myTaxi hat ein klassisches und schon deutlich verstaubtes Geschäftsmodell ins 21. Jahrhundert geholt. Lästige Anrufe in der Taxizentrale, unfreundliche Taxifahrer und ungepflegte Fahrzeuge könnten so schon bald der Vergangenheit angehören. Stattdessen ruft man sein Taxi heute einfach per App, hat dabei viel Spaß, sieht Fahrer und Fahrzeug schon vor der Buchung, verfolgt das nahende Taxi auf dem Screen in Echtzeit und weiß durch die Bewertungen anderer Fahrgäste, was einen erwartet.

 


 

 


 

 

Über den Autor

Sebastian Huke

Sebastian Huke

Artikel des Autors

Sebastian Huke ist bereits seit 2011 Redakteur und Marketing-Manager beim E-Commerce-Magazin INTERNETHANDEL und seine Begeisterung für neue Geschäftsideen ist kein Geheimnis. Daher betreut er im Magazin sowie im Unternehmensblog die Bereiche Geschäftsideen und Gründung. So stellt Sebastian Huke regelmäßig neue Start-ups vor, führt Interviews, erarbeitet Gründerstorys und verfasst auch themenübergreifende Artikel in den Bereichen Online-Handel und Marketing.